Das Gesundheitswesen steht vor großen Herausforderungen – doch wo sollte die Politik aus Sicht der niedergelassenen Ärzte zuerst ansetzen? Und welche politischen Initiativen könnten tatsächlich etwas bewegen? Das haben wir Ärzte im Rahmen unserer aktuellen Fokus-Befragung gefragt. Zudem wollten wir wissen, welche Erwartungen sie an den neuen Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann haben.

Die Ergebnisse zeigen: Vor allem die Finanzierung bereitet den Ärzten Sorgen. Zugleich wünschen sie sich deutlich mehr Mitsprache derjenigen, die Patienten tagtäglich versorgen, und strukturelle Reformen statt kurzfristiger Sparmaßnahmen. Die Erwartungen an den neuen Minister sind dagegen überwiegend verhalten.

Finanzierung und Wirtschaftlichkeit mit Abstand dringlichstes Thema

An Herausforderungen mangelt es im Gesundheitswesen nicht. Ein Thema sticht dabei aus Sicht der niedergelassenen Ärzte deutlich hervor: 83,0 Prozent nennen die Finanzierung und Wirtschaftlichkeit des Gesundheitssystems als eine der derzeit dringlichsten Aufgaben. Darunter fallen beispielsweise GKV-Sparmaßnahmen, die Finanzierung des ambulanten Sektors sowie Budgeterhöhungen bzw. Entbudgetierung.

Auf Platz zwei folgt die Sicherstellung einer bedarfsgerechten Versorgung, beispielsweise durch regionale Versorgung, innovative lokale Versorgungsformen oder Maßnahmen, die der Versorgung bislang unterversorgter Gruppen dienen. 56,7 Prozent der Ärzte sehen hier dringenden Handlungsbedarf.

An dritter Stelle steht die Stärkung von Prävention und Gesundheitskompetenz: Für rund ein Drittel der Ärzte (32,9 Prozent) zählen Gesundheitsförderung, Krankheitsprävention und die Befähigung von Patienten zu informierten Gesundheitsentscheidungen zu den besonders dringlichen Themen.

Ärzte wollen die Versorgungspraxis stärker in politische Entscheidungen einbinden

Bei der Frage nach sinnvollen politischen Initiativen ergibt sich ebenfalls ein deutliches Bild: 71,2 Prozent der Ärzte wünschen sich ein dauerhaftes Beratungsgremium für das Bundesgesundheitsministerium, in dem Vertreter aus allen Bereichen der direkten Patientenversorgung sitzen. Damit erhält diese Initiative mit großem Abstand die meiste Zustimmung – und zwar mit einem deutlichen Zuwachs im Vergleich zum vergangenen Jahr (3. Quartal 2025: 56,1 Prozent).

Mehr als jeder zweite Arzt (53,1 Prozent) hält zudem spezifische Fachkommissionen mit Vertretern aus dem Gesundheitswesen für sinnvoll. Auf Rang drei folgen lokale Versorgungsinitiativen im ambulanten und stationären Bereich, die ein Drittel der Befragten (33,5 Prozent) priorisieren würde.

Die Freitextantworten der Studienteilnehmer unterstreichen den Wunsch nach mehr Praxisnähe. Zahlreiche Ärzte fordern, politische Entscheidungen stärker auf die Erfahrungen derjenigen zu stützen, die täglich in der Versorgung arbeiten:

„Fragt uns an der ambulanten ‚Front‘ doch mal, wie man effizienter arbeiten und behandeln könnte und wo unnötige unzureichende und doppelte Untersuchung anfallen.“

Ein anderer Teilnehmer formuliert es so:

„Politiker und Menschen in Leitungspositionen sollten zuhören vor Entscheidungen. Würde viel helfen. Nicht nur Beratern und Lobbyisten vertrauen.“

Große Skepsis gegenüber dem neuen Gesundheitsminister

Die Erwartungen der Ärzteschaft an den neuen Bundesgesundheitsminister sind sehr verhalten: Nur knapp 15 Prozent der niedergelassenen Ärzte trauen Carsten Linnemann zu, die Probleme im Gesundheitswesen erfolgreich anzugehen. 1,8 Prozent erwarten deutliche Verbesserungen, weitere 2,7 Prozent Verbesserungen zumindest bei einigen zentralen Problemen. 10,3 Prozent glauben, dass er abhängig vom jeweiligen Thema zumindest teilweise etwas bewegen kann.

Demgegenüber erwarten 58,3 Prozent keine wesentlichen Verbesserungen durch den Wechsel an der Spitze des Bundesgesundheitsministeriums. Weitere 20,0 Prozent antworteten mit „eher nein“, da die Probleme zu groß beziehungsweise die politischen Handlungsspielräume zu klein seien.

Stimmen aus der Praxis: Strukturreformen statt kurzfristiger Sparmaßnahmen

Die Freitexte aus der Befragung zeigen, was hinter dieser Skepsis steckt. Häufig thematisieren die Ärzte die fehlende gesundheitspolitische beziehungsweise medizinische Erfahrung des neuen Ministers:

„Ein Minister, der sagte, für dieses Amt benötige es Expertise, die er nicht habe – und dann dennoch einige Monate später genau dieses Amt mitten in zentralen Umbrüchen, gesetzlich wie strukturell, annimmt, verhebt sich vermutlich.“

Gleichzeitig finden sich aber auch differenzierte Stimmen, die gerade in seinem Blick von außen auch eine Chance sehen:

„Der Blick von aussen kann manchmal nützlich sein, allerdings sollte er auch auf die Praktiker an der Basis hören, nicht nur auf ‚Experten‘, die oft auch weit weg von der Realität vor Ort sind.“

Ein weiterer Teilnehmer schreibt:

„Er ist jung und dynamisch, jedoch fachfremd. Ihm ist schon etwas zuzutrauen, wenn auch die Möglichkeiten, die er hat, begrenzt sind. Er hat ein sehr komplexes Gebiet zu bearbeiten, was sicherlich äußerst schwierig ist.“

Und ein dritter formuliert die Erwartung an Linnemann vor allem als Auftrag für die kommenden Reformen:

„Am meisten würde ich mir wünschen, dass Gesundheit kein Geschäftsmodell mehr ist, bei dem Investoren Beiträge zu Lasten des Personals und der Patienten abschöpfen. Ergo: Wirkliche strukturelle Reformen anstatt Löcherstopfen zu Lasten von Behandlern und Beitragszahlern!“

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Gastkommentar

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Methodik

Erhebung:
Repräsentative Erhebung mithilfe eines Online-Fragebogens

Erhebungszeitraum:
9.-16. September 2026

Sample:
Für jede Berufsgruppe wurde eine repräsentative geschichtete Zufallsstichprobe angeschrieben. Für die aktuelle Befragung erhielten insgesamt 10.000 niedergelassene Hausärzte, Fachärzte, Zahnärzte und Psychologische Psychotherapeuten aus dem Strukturverzeichnis der Versorgung eine Einladung zur Befragung. Zusätzlich wurden 2.889 Ärzte angeschrieben, die regelmäßig an der Befragung teilnehmen.

Rücklauf:
904 valide Fragebögen (Rücklaufquote 7,0 Prozent). Die Ergebnisse sind repräsentativ mit einem Konfidenzniveau von 99% (Konfidenzintervall < ± 5%)

Bildquelle: 
Stiftung Gesundheit