Im Fokus 3. Quartal 2026
Heilberufler wollen mehr Praxisnähe in der Gesundheitspolitik
Wer täglich Patienten versorgt, erlebt unmittelbar, wo Strukturen an ihre Grenzen stoßen. In unserer aktuellen Fokus-Befragung haben wir deshalb ambulant tätige Heilberufler gefragt, was aus ihrer Sicht in der Gesundheitspolitik jetzt besonders wichtig ist – und wie die Erfahrung aus der Versorgung stärker in politische Entscheidungen einfließen könnte.
Die Antworten zeigen: Vor allem die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bereiten den Heilberuflern Sorgen. Doch es geht nicht nur um Geld: Auch Versorgungssicherheit, Fachkräftemangel, Prävention und eine stärkere Beteiligung der Basis an politischen Entscheidungen spielen eine zentrale Rolle. Und vom neuen Gesundheitsminister erwarten bislang nur wenige, dass er die bestehenden Probleme grundlegend lösen kann.
Wirtschaftlicher Druck prägt den Praxisalltag
73,0 Prozent der befragten Heilberufler zählen die Finanzierung und Wirtschaftlichkeit des Gesundheitssystems zu den derzeit dringlichsten gesundheitspolitischen Themen.
46,7 Prozent nennen die Sicherstellung einer bedarfsgerechten Versorgung, 45,2 Prozent den Fachkräftemangel sowie die Aus- und Fortbildung des therapeutischen Personals.
Für 42,9 Prozent gehören zudem Prävention und Gesundheitskompetenz zu den wichtigsten Handlungsfeldern.
Was diese Zahlen im Praxisalltag bedeuten, wird in den zahlreichen Freitextantworten deutlich. Dort schildern Praxisinhaber steigende Kosten, Schwierigkeiten bei der Personalgewinnung, hohe bürokratische Belastungen und Vergütungsstrukturen, die bestimmte Leistungen kaum wirtschaftlich möglich machen:
„Ganz dringend nötig zur Entlastung des Praxisalltags wäre ein deutlicher Bürokratieabbau mit beispielsweise der Abschaffung aufwendiger Prüfpflichten für ärztliche Verordnungen oder Absetzungen geleisteter Arbeiten aufgrund eines kleinen Formfehlers.“
„Aufgrund der schlechten Finanzierung der Therapien durch die Krankenkassen können niedergelassene Praxen keine angemessenen Gehälter zahlen, da viele Therapeuten das höhere Einkommen in Kliniken vorziehen. In unserer Region haben nahezu alle Praxen die Wartelisten für Kinder schließen müssen, sodass eine große Diskrepanz zwischen dem Bedarf und den vorhandenen Therapieplätzen gibt.“
„Die wenigen Fachkräfte, die sich bei uns bewerben, haben inzwischen so hohe Gehalts-Forderungen und an anderen Benefits, dass wir uns das nicht mehr leisten können.“
„In allen Heilberufen […] erleben wir einen extremen Mehraufwand an Bürokratie, Auflagen, neue Verpflichtungen und die Zuversicht einer Besserung sinkt. Darunter leidet die Zeit für die Versorgung an Patienten und die eigene Motivation den Heilberuf überhaupt noch auszuführen. Das zeigt sich mit einem Therapeutenmangel und häufigen Jobwechsel in völlig andere Fachbereiche. Heilberufe sind weniger attraktiv geworden.“
Mitreden statt nur Vorgaben umsetzen
Ein Ergebnis der Befragung sticht besonders hervor: Die Heilberufler fordern, dass praktische Erfahrung stärker in gesundheitspolitische Entscheidungen einfließt.
79,3 Prozent sprechen sich für ein dauerhaftes Beratungsgremium für das Bundesgesundheitsministerium aus, in dem Vertreter aus allen Bereichen der direkten Patientenversorgung einschließlich der Heilberufe vertreten sind.
53,1 Prozent befürworten spezifische Fachkommissionen mit Vertretern aus dem Gesundheitswesen, 41,6 Prozent lokale Versorgungsinitiativen.
Spezielle Task Forces auf Bundesebene, beispielsweise zu Entbürokratisierung oder KI, nennen 28,9 Prozent.
Die Freitexte machen deutlich, dass hinter diesen Zahlen ein sehr konkretes Anliegen steht: Entscheidungen sollen stärker mit denjenigen entwickelt werden, die ihre Auswirkungen im Versorgungsalltag unmittelbar erleben. Therapeuten sollten als Entscheidungsträger mitwirken, Heilmittelerbringer in politischen Prozessen stärker vertreten sein und Praktiker mit langjähriger Berufserfahrung gehört werden:
„Weniger Politik und mehr Expertise in den einzelnen Bereichen und interdisziplinäres Gremium, das über Kosten, Notwendigkeiten und Möglichkeiten berät und entscheidet, statt Minister oder Lobbyisten.“
„Die Menschen mehr einbeziehen, die wirklich in Patientenkontakt stehen und nicht nur am Schreibtisch sitzen.“
Kein Vertrauensvorschuss für den neuen Minister
Viele Heilberufler sehen Handlungsbedarf – aber nur wenige trauen dem neuen Bundesgesundheitsminister die Lösung der Probleme zu.
45,0 Prozent erwarten von Carsten Linnemann keine wesentlichen Verbesserungen. Weitere 24,5 Prozent antworteten mit „eher nein“, weil sie die Probleme für zu groß beziehungsweise die Handlungsspielräume für zu klein halten. 14,4 Prozent machen ihre Einschätzung vom jeweiligen Thema abhängig und 14,2 Prozent gaben an, dies noch nicht beurteilen zu können.
Lediglich 1,3 Prozent trauen dem neuen Minister zumindest bei einigen zentralen Problemen Verbesserungen zu; 0,6 Prozent erwarten deutliche Verbesserungen.
Einen Vertrauensvorschuss von den Heilberuflern gibt es für den neuen Minister also nicht. In den Freitexten wird jedoch deutlich, womit der neue Minister Vertrauen gewinnen könnte – durch Austausch mit den Berufsgruppen und dadurch, deren Erfahrungen in Entscheidungen einfließen zu lassen:
„Wenn Herr Linnemann […] sich mit Ärzten, Pflegepersonal, Therapeuten und Heilpraktikern an einen Tisch setzt und das, was diese Fachleute sagen, auch umsetzt, dann gibt es Hoffnung.“
Konstruktive Vorschläge aus der Praxis
Viele Heilberufler nutzten die Freitextantworten für konkrete Verbesserungsvorschläge. Ein häufig genannter Ansatzpunkt ist der Bürokratieabbau. Insbesondere bei Heilmittelverordnungen sehen Befragte Möglichkeiten, Prüfungen und administrative Abläufe zu vereinfachen:
„Abschaffung der Prüfpflicht von Heilmittel-Vo`s für Physiotherapeuten. […] Wir verwenden viel zu viel Zeit mit ‚Kontrollen‘ oder Abwehr von Absetzungen!“
Auch bei der Gewinnung von Fachkräften gibt es konkrete Ideen: Genannt werden beispielsweise bessere Ausbildungsbedingungen sowie ein leichterer Zugang für bereits qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland:
„Meinen Beruf gibt es auch im Ausland, also muss es ja auch ausländische Ergotherpeuten möglich sein, hier zu arbeiten!“
Darüber hinaus wünschen sich Befragte mehr Eigenständigkeit im Versorgungsalltag, wie beispielsweise die Möglichkeit, therapeutische Entscheidungen innerhalb einer laufenden Behandlung flexibler zu treffen:
„[Es ist] eine Zumutung und so gut wie unmöglich, in der verordnenden Arztpraxis jemanden an das Telefon zu bekommen, um die Erlaubnis für eine Veränderung der Therapiefrequenz zu erwirken. Wir brauchen mehr Eigenständigkeit und autonome Entscheidungsbefugnisse!“
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Gastkommentar
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Methodik
Erhebung:
Repräsentative Erhebung mithilfe eines Online-Fragebogens
Erhebungszeitraum:
9.-16. September 2026
Sample:
Für jede Berufsgruppe wurde eine repräsentative geschichtete Zufallsstichprobe angeschrieben. Für die aktuelle Befragung erhielten 7.000 nichtärztliche Heilberufler (Heilpraktiker, Physiotherapeuten, Hebammen/Geburtshelfer, Logopäden, Ergotherapeuten) aus dem Strukturverzeichnis der Versorgung eine Einladung zur Befragung. Zusätzlich wurden 1.988 Heilberufler befragt, die sich zuvor zu einer regelmäßigen Teilnahme an der Befragung bereiterklärt hatten.
Rücklauf:
478 valide Fragebögen (Rücklaufquote 5,3 Prozent). Die Ergebnisse sind repräsentativ mit einem Konfidenzniveau von 95% (Konfidenzintervall < ± 5%).
Bildquelle: xx