Stimmungsbarometer
3. Quartal: Ärzte-Stimmung im freien Fall
Negativrekord: Stimmungsbarometer erreicht historischen Tiefpunkt
Die Stimmung der niedergelassenen Ärzte ist im Herbst 2026 regelrecht abgestürzt: Mit einem Stimmungswert von -48,5 liegt sie mehr als 20 Punkte unter dem im Frühjahr erhobenen Wert. Damit erreicht die Ärztestimmung den mit Abstand niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebung vor mehr als 20 Jahren. Der bisherige Tiefpunkt lag bei -38,7.
Ausschlaggebend für diese Entwicklung ist vor allem die sehr pessimistische Einschätzung der wirtschaftlichen Entwicklung in den kommenden sechs Monaten: Hier sank der Wert seit der vorherigen Erhebung um fast 35 Punkte.
Entwicklung der Stimmung in den ärztlichen Fachgruppen
Im 3. Quartal 2026 sank die Stimmung in allen betrachteten Fachgruppen und erreichte in allen Gruppen mit Ausnahme der Zahnärzte einen neuen Negativrekord.
Ab stärksten brach die Stimmung der Psychologischen Psychotherapeuten ein: Sie fiel um 33,6 Punkte und liegt nun bei einem Wert von -48,3.
Um jeweils mehr als 25 Punkte sank die Stimmung der Fachärzte (minus 25,7 Punkte) und der Hausärzte (minus 25,2 Punkte). Mit einem Stimmungswert von -55,6 liegen die Hausärzte derzeit auf dem letzten Platz, die Fachärzte mit -51,5 auf dem vorletzten.
Dagegen fiel der Stimmungsrückgang bei den Zahnärzten moderat aus: Mit einem Minus von 8,9 Punkten und einem Stimmungswert von -36,4 sind sie die derzeit am wenigsten pessimistisch gestimmte Gruppe.
Politische Rahmenbedingungen und Regulierung sorgen für größten Frust
Mit überwältigendem Abstand führen derzeit politische Entscheidungen, gesetzliche Regelungen und Vorgaben der Selbstverwaltung derzeit die Liste der größten Störfaktoren an: 92,0 Prozent der Ärzte gaben an, dass sich diese negativ auf ihre Gesamtarbeitssituation ausgewirkt haben – ein drastischer Anstieg gegenüber dem zuletzt erhobenen Wert (Q1: 68,6 Prozent).
Aktuell liegen Politik und Regulierung mehr als 40 Prozentpunkte vor allen anderen Belastungsfaktoren. Auf Rang zwei folgt die Digitalisierung mit 51,9 Prozent (Q1: 63,0 Prozent).
Stimmung, Lage und Erwartung der niedergelassenen Ärzte im Zeitverlauf
Wirtschaftliche Lage und Erwartung in den Fachgruppen
Forschungsleiter der Stiftung Gesundheit.
Kommentar
Mission impossible?
Der aktuelle Befund ist eindeutig: Das Stimmungsbarometer erreicht einen historischen Tiefpunkt seit Beginn der Erhebung vor mehr als 20 Jahren. Während sich der Absturz bei den psychologischen Psychotherapeuten noch mit den Eingriffen in die Vergütung erklären lässt, sind die anderen Fachrichtungen vor allem mit den politischen Rahmenbedingungen höchst unzufrieden.
Das ist durchaus nachvollziehbar, denn die angekündigten Reformen zerfließen wieder. Dank unseres dezentralen Gesundheitssystems mit seinen vielen Entscheidern – was in normalen Zeiten durchaus ein Vorteil sein kann – ist aktuell kein kohärentes Vorgehen möglich. Zu unterschiedlich sind die Interessen von Ländern, Krankenkassen sowie der Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenhäusern. Eine grundlegende Reform unter diesen Bedingungen? Fast schon eine Mission impossible.
Statt grundlegender Veränderungen erleben wir also vor allem haushalterische Korrekturen. Diskutiert wird über Instrumente wie „Fixkostendegressionsabschläge“ mit vergleichsweise geringem Sparvolumen. Für die betroffenen Arztgruppen mag das relevant sein – auf Systemebene greift es zu kurz.
Zugleich werden Einsparungen und neue Finanzierungsquellen vermengt: Zuzahlungen, Wegfall der beitragsfreien Mitversicherung, Steuern auf Alkohol, Tabak und Zucker oder eine angemessene Finanzierung der Beiträge von Bürgergeldbeziehern sind sicher diskussionswürdig. Das strukturelle Ausgabenproblem lösen sie aber nicht. Über Zieleinkommen der Ärzte, Verwaltungskosten, Nutzungshäufigkeit oder die Eigenverantwortung von Patienten wird dagegen kaum gesprochen.
Reformen müssen grundlegend und gemeinsam gedacht werden. Solange ein gemeinsames Ziel fehlt und sich die Politik in Einzelmaßnahmen verliert, dürfte sich an der Stimmung wenig ändern. Der historische Tiefstand ist dafür ein deutliches Signal.
Methodik
Erhebung: Repräsentative Erhebung mithilfe eines Online-Fragebogens
Erhebungszeitraum: 9.-16. September 2026
Sample: Für jede Berufsgruppe wurde eine repräsentative geschichtete Zufallsstichprobe angeschrieben. Für die aktuelle Befragung erhielten insgesamt 10.000 niedergelassene Hausärzte, Fachärzte, Zahnärzte und Psychologische Psychotherapeuten aus dem Strukturverzeichnis der Versorgung eine Einladung zur Befragung. Zusätzlich wurden 2.889 Ärzte angeschrieben, die regelmäßig an der Befragung teilnehmen.
Rücklauf: 941 valide Fragebögen (Rücklaufquote 7,3 Prozent). Die Ergebnisse sind repräsentativ mit einem Konfidenzniveau von 99% (Konfidenzintervall < ± 5%).
Über das Stimmungsbarometer
Das Stimmungsbarometer gibt differenziert Auskunft darüber, wie die niedergelassenen Ärzte in Deutschland ihre aktuelle wirtschaftliche Lage einschätzen und welche Entwicklung sie in den kommenden sechs Monaten erwarten. Diese Erhebung führt die Stiftung Gesundheit seit rund 20 Jahren durch. Zusätzlich fragen wir auch nach den Gründen für die Stimmungsentwicklung.
Die Stimmung der Ärzte wird analog zum Geschäftsklima für die gewerbliche Wirtschaft des ifo Institutes (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e.V.) erhoben: Aus den Antworten zur Einschätzung der aktuellen Lage und zur Erwartung werden zunächst Salden für Lage und Erwartung gebildet. Die einzelnen Gruppen werden dabei entsprechend ihres Anteils an der Grundgesamtheit gewichtet, um ein repräsentatives Stimmungsbild zu erhalten. Der Wert für die Stimmung der Ärzte entspricht dem Mittelwert der Salden für die aktuelle Lage und die Erwartung. Mehr Details finden Sie auf unserer Seite Methodik und Berechnung.
Parallel zum Stimmungsbarometer der Ärzte erhebt die Stiftung Gesundheit seit Anfang 2022 auch die wirtschaftliche Stimmung der Heilberufler.