Im Interview

Dr. Nitsche: „Die Zeit heilt nicht alle Wunden, mit manchen muss man leben lernen.“

Dr. Norbert Nitsche ist approbierter tiefenpsychologischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut und hat eine Psychotherapeutische Privatpraxis für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in Ulm an der Donau. Schwerpunkt seiner ehrenamtlichen Arbeit ist die Akutbegleitung von betroffenen Eltern und Geschwistern nach dem Tod eines Kindes. Für sein Ehrenamt erhält er das Dr. Pro Bono-Siegel der Stiftung Gesundheit.

Erzählen Sie uns von Ihrer ehrenamtlichen Arbeit. Was tun Sie genau?

Wenn Eltern ein Kind durch Unfall, Suizid oder Erkrankung verlieren, beginnt eine quälende, nicht mit Worten zu beschreibende Zeit der Trauer. Ich besuche betroffene Familien – natürlich ausschließlich auf deren Wunsch – möglichst früh nach dem Tod eines Kindes und begleite sie in den ersten Wochen beim Abschiednehmen. Denn die Zeit heilt nicht alle Wunden, mit manchen muss man leben lernen. Und ich begleite sie bei den ersten Schritten auf diesem Weg.
Aus meiner Erfahrung weiß ich, wie wichtig die Trauerarbeit bis zur Beerdigung und in der „erstarrten“ Stille in den Wochen danach ist. Diese Zeit ist später unwiederbringlich und birgt unendliche Stolpersteine. Für Eltern ist es zum Beispiel wichtig, die Chance zu bekommen, sich vom Körper des verstorbenen Kindes zu verabschieden, was nach der Beerdigung nie mehr möglich sein wird. Auch die Trauerfeier ist ein unwiederbringlicher Moment und wichtig für einen heilsamen Trauerprozess.

Dr. Nobert Nitsche. Bildnachweis: Privatbild

Ihre Arbeit ist aber mit der Trauerfeier noch nicht beendet?

Nein, denn eigentlich beginnt erst nach der Beerdigung, nach Abreise der Verwandten, die schlimme, stille Zeit, in der Eltern und Geschwister besonders dringend Unterstützung benötigen. Ein verstorbenes Kind wird oft und allzu schnell bei anderen Familienmitgliedern und in der Berufswelt tabuisiert. Und auch gut gemeinte Trostworte wie „Ich würde an so einem Schicksal zerbrechen“ trösten nicht. Das gibt den betroffenen Eltern eher das Gefühl, sie hätten ihr verstorbenes Kind womöglich nicht genug geliebt, wenn sie daran nicht zerbrechen.

In manchen Fällen kommt es auch zu einer pathologischen Trauer, wenn Eltern nach dem traumatisierenden Verlust die Chance zur Neuorientierung nicht finden – oder auch nicht finden wollen. Dann steht das verstorbene Kind weiterhin im Licht, während die lebenden Geschwisterkinder – ich nenne sie oft „Schattenkinder“ – von den Eltern in deren Not zu wenig wahrgenommen und beachtet werden. Darunter leiden die Geschwister enorm.

In welchen Fällen werden Sie besonders gebraucht?

Ein plötzlicher Unfalltod oder der Suizid eines jungen Menschen bedeutet einen besonders tiefen und unvorbereiteten Einschnitt im Leben der betroffenen Familie. Die Herausforderungen an die Verarbeitung sind in solchen Fällen besonders hoch: Werte, Beziehungen, der Glaube, die Lebensplanung und die Lebensziele sind schwer erschüttert. Das alles ist für die betroffenen Eltern noch deutlich schwieriger zu ertragen als der Todesfall eines Kindes, dem eine Vorwarnung vorausgeht, zum Beispiel eine Krankheit. Und es wirkt sich auch auf die Trauerzeit aus: Während sich bei meinen Interviews mit Eltern, die ein Kind durch Krankheit verloren haben, eine durchschnittliche tiefe, oft das Leben lähmende Trauerzeit von annähernd sieben Jahren ergab, waren es bei einem plötzlichen Tod fast zwölf Jahre.

Wie kommt es, dass Sie sich für dieses schwierige Thema einsetzen?

Eines meiner vier Kinder verstarb 1988 am plötzlichen Kindstod. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland noch keine flächendeckende Notfallseelsorge, psychosoziale Betreuung oder psychotherapeutische Anbindung und nur wenige Selbsthilfegruppen für „verwaiste Eltern“. Da ich meinen Schmerz nicht passiv und schweigsam ertragen wollte, gab ich diesem durch die Gründung einer Selbsthilfegruppe für verwaiste Eltern eine Stimme, die ich fünfzehn Jahre leitete. Diese monatlich stattfindenden Treffen fanden mit Unterstützung des Bundesverbandes verwaister Eltern in Deutschland e.V. (veid.de) in kostenfrei zur Verfügung gestellten Räumen von Kirchengemeinden statt. Die Selbsthilfegruppe hatte enorm großen, auch überregionalen Zulauf.

Zwölf Jahre arbeitete ich als Schulleiter einer Klinikschule am Universitätskinderklinikum Ulm überwiegend in der Kinderonkologie und der Knochenmarktransplantationsstation. Schüler erhielten dort während ihres stationären Aufenthaltes oder in der Tagesklinik Schulunterricht. Auch dort wurden alle Mitarbeitenden durch den Tod ihrer kleinen und größeren Patienten immer wieder mit der Not von Müttern, Vätern und Geschwisterkindern konfrontiert.

Promoviert habe ich über die Trauer von Eltern und Geschwistern nach dem Tod eines Kindes. In meiner Dissertation beschreibe ich die Biografien von 66 betroffenen Eltern, 88 Geschwisterkindern sowie den betreffenden Kindergärten und Schulen. Mir ging es primär darum, herauszufinden, was hilfreiche und weniger hilfreiche Faktoren in der Trauerbewältigung sind. Mein mich sehr unterstützender Doktorvater war Prof. Dr. med. Carl Friedrich Classen, Leiter der Sektion für pädiatrische Onkologie und Palliativmedizin an der Universitätskinderklinik Rostock.

Vorträge, Seminare, Workshops, ein TV-Interview des österreichischen Fernsehens ORF1, Podcasts und Lesungen meiner Bücher führten mich u.a. in die baden-württembergische Polizeiakademie, die damals ihren Sitz in Freiburg hatte. Dort wurden Polizisten für die Überbringung einer Todesnachricht, auch wenn Kinder versterben, geschult. Telefonseelsorgestellen, Kriseninterventionsdienste, psychotherapeutische Ausbildungsstätten, ambulante Kinderhospize, das stationäre Kinderhospiz in Bad Grönenbach und auch Elternvereine von „Sternenkindern“ sind und waren dankbar für Bausteine und Impulse im Umgang mit verwaisten Eltern und den betroffenen Geschwisterkindern im Rahmen ihrer zumeist ebenfalls ehrenamtlichen Tätigkeit.

Wo besteht aus Ihrer Sicht noch Bedarf an ehrenamtlicher ärztlicher und psychotherapeutischer Arbeit?

Die Erfahrung zeigt, dass Ärzte, Pflegekräfte und auch die Notfallseelsorge wichtige erste Unterstützung leisten, aber auch oft hilflos sind angesichts des Leids, das die betroffene Familie und vor allem die beteiligten Geschwisterkinder durchleben. Auch wenn entsprechende Qualifikationen vorhanden sind, fällt es vielen schwer, sich mit Trauerarbeit auseinanderzusetzen. Vor allem zu Beginn der ärztlichen oder psychotherapeutischen Tätigkeit fehlt ihnen auch meist ein Erfahrungsschatz, so dass sie mit den eigenen Gefühlen beschäftigt sind oder stark verunsichert, was Betroffenen zugemutet werden kann.

Mehr Fortbildungen und Supervisionen würden die Chance bieten, mit Trauererfahrungen in Kontakt zu kommen, diese zu supervidieren und theoretische und praktische Bausteine für eine adäquate Trauerbegleitung zu sammeln.

Und nicht zuletzt braucht es noch viel Aufklärung darüber, dass Trauerprozesse von Erwachsenen sich wesentlich von kindlichen Trauerprozessen unterscheiden. Dieses Wissen sollte einen Platz in jeder medizinischen und psychotherapeutischen Ausbildung haben, damit betroffene Eltern und Kinder einen passenden Raum geboten bekommen, um über das Sterben und den Tod eines geliebten Menschen zu sprechen und ihre eigene Sichtweise und ihre Gefühle auszudrücken.

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