Im Interview
M.Sc. Psych. Thilak Linganathan: „Ich versuche, zumindest punktuell dort zu helfen, wo das System aktuell an seine Grenzen stößt.“
M.Sc. Psych. Thilak Linganathan, ist Klinischer Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Doktorand der Suchtforschung und Dozent an der Charlotte Fresenius Hochschule Köln. Ihm liegt die psychotherapeutische Betreuung von Menschen am Herzen, die dringend Unterstützung brauchen, aber keinen Zugang zur regulären Versorgung finden. Deshalb bietet er an zwei Praxisstandorten je zwei kostenfreie Behandlungsplätze an. Für diesen Einsatz wird er mit dem Dr.-Pro-Bono-Siegel der Stiftung Gesundheit ausgezeichnet.
Warum und seit wann setzen Sie sich für das Gemeinwohl ein?
Ich sehe in meiner täglichen Arbeit immer wieder, wie groß die Versorgungslücke in der psychotherapeutischen Behandlung ist. Besonders junge Menschen warten oft Monate oder sogar Jahre auf einen Therapieplatz, viele erhalten gar keine Hilfe.
Der konkrete Impuls entstand vor einiger Zeit aus der direkten Konfrontation mit dieser Realität: Menschen, die dringend Unterstützung brauchen, aber durchs System fallen, sei es aufgrund fehlender Versicherung, bürokratischer Hürden oder schlicht mangelnder Kapazitäten. Seitdem versuche ich, im Rahmen meiner Möglichkeiten niedrigschwellige Hilfe anzubieten.
Was tun Sie dabei genau? Erzählen Sie mehr zu Ihrem Projekt und zu der Organisation.
Ich habe in meiner Praxis aktuell zwei kostenfreie Behandlungsplätze eingerichtet, die sich gezielt an Menschen richten, die sonst keinen Zugang zu psychotherapeutischer Versorgung haben. Diese Plätze stehen unabhängig vom Versicherungsstatus zur Verfügung.
Das Angebot existiert derzeit an zwei Standorten, weitere sind in Planung. Es handelt sich um ein eigeninitiiertes Projekt innerhalb meiner Praxis, mit dem ich versuche, zumindest punktuell dort zu helfen, wo das System aktuell an seine Grenzen stößt.
Durch meine Arbeit in der Patientenversorgung sowie in Forschung und Lehre sehe ich sowohl die individuellen Belastungen als auch die strukturellen Entwicklungen sehr deutlich, insbesondere den steigenden Bedarf bei jungen Menschen. Genau daraus ist auch die Motivation für das Projekt entstanden.
Haben Sie dabei mit Hürden zu kämpfen?
Die größte Herausforderung ist die Diskrepanz zwischen dem hohen Bedarf und den begrenzten Ressourcen. Zwei zusätzliche Behandlungsplätze stellen angesichts der aktuellen Versorgungslage nur einen sehr kleinen Beitrag zu einem strukturellen Problem dar.
Hinzu kommen organisatorische und finanzielle Grenzen: Psychologisch- psychotherapeutische Behandlung ist zeitintensiv und an klare Rahmenbedingungen gebunden, sodass sich zusätzliche Kapazitäten nicht beliebig schaffen lassen.
Was würde Ihnen die ehrenamtliche Arbeit erleichtern?
Mehr strukturelle Unterstützung, etwa durch gezielte Fördermöglichkeiten, den Abbau bürokratischer Hürden sowie eine stärkere Vernetzung entsprechender Initiativen. Langfristig lässt sich die Versorgungssituation jedoch nur durch eine systemische Verbesserung der Regelversorgung nachhaltig verändern.
Was ist Ihnen von bisherigen Einsätzen besonders in Erinnerung geblieben?
Besonders eindrücklich sind die Situationen, in denen Patientinnen und Patienten nach längerer Wartezeit erstmals zeitnah psychologische Unterstützung erhalten. Häufig zeigt sich bereits zu Beginn eine deutliche Entlastung, was unterstreicht, wie wichtig ein früher Behandlungszugang ist, auch wenn einzelne Angebote die strukturellen Defizite nicht ersetzen können.
Planen Sie in Zukunft noch andere ehrenamtliche Projekte?
Ja, ich plane, das Angebot perspektivisch auszubauen, sowohl durch zusätzliche Standorte als auch durch ergänzende niedrigschwellige Formate, beispielsweise im präventiven Bereich oder in der Aufklärung.
Gerade in der Arbeit mit jungen Menschen sehe ich großes Potenzial, frühzeitig anzusetzen und so langfristig Belastungen zu reduzieren.
Wo besteht aus Ihrer Sicht noch Bedarf an ehrenamtlicher, ärztlicher Arbeit?
Der Bedarf ist aktuell in vielen Bereichen hoch, besonders jedoch in der psychischen Gesundheitsversorgung, die in weiten Teilen weiterhin unterversorgt ist. Neben einem Mangel an Behandlungsplätzen besteht vor allem ein Defizit an niedrigschwelligen, zeitnah verfügbaren Behandlungsangeboten. Dies betrifft insbesondere junge Menschen, Personen ohne ausreichenden Versicherungsschutz sowie Patientinnen und Patienten in akuten Krisensituationen.
Ehrenamtliches Engagement kann hier punktuell entlasten, ersetzt jedoch keine strukturell gesicherte Versorgung. Umso wichtiger ist es, bestehende Versorgungslücken sichtbar zu machen und perspektivisch in die Regelversorgung zu überführen.


