Platz 2
Publizistik-Preis 2026
„Eine für alle“ von Vivian Pasquet
Süddeutsche Zeitung Magazin – 24.01.2025
Darum geht es in dem Artikel
Der Text „Eine für alle“ von Vivian Pasquet porträtiert die Berliner Frauenärztin Blanka Kothé, die sich auf späte Schwangerschaftsabbrüche nach der 14. Woche spezialisiert hat. In Deutschland ist sie eine der wenigen, die Frauen bis zur 26. Woche die Wahl zwischen einer Totgeburt und einer Operation lässt. Während das System oft die stille Geburt erzwingt, kämpft Kothé für medizinische Standards und das Selbstbestimmungsrecht der Frauen.
Der Artikel beleuchtet die enormen Hürden: Späte Abbrüche sind strafrechtlich geregelt und nur bei Gefahr für die Gesundheit der Mutter legal. Kothé kritisiert den „medizinischen Wildwuchs“ und den Mangel an Ausbildung. Trotz bürokratischer Widerstände – etwa bei der Beschaffung der Abbruchpille Mifegyne – gibt sie ihr Wissen an junge Ärztinnen weiter. Ihr Ziel ist eine würdevolle Versorgung in Extremsituationen, getragen von wissenschaftlicher Evidenz statt moralischem Urteil.
Vivian Pasquet arbeitet für das Süddeutsche Zeitung Magazin. Zuvor war sie Redakteurin bei Geo und schrieb u.a. für den Spiegel. Sie hat Jura halb und Medizin ganz studiert, promoviert und die Henri-Nannen-Journalistenschule besucht. Für ihre Reportagen wurde sie vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Reporterpreis, dem Wächterpreis der deutschen Tagespresse und dem Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus. Derzeit ist sie Nieman Fellow an der Harvard University im amerikanischen Cambridge.
„Ich freue mich, dass durch die Auszeichnung mit dem Publizistik-Preis der Stiftung Gesundheit noch mehr Menschen von den Missständen bei späten Schwangerschaftsabbrüchen erfahren – und von der Arbeit der tollen Ärztinnen, die sich dafür einsetzen, dass Frauen die Wahl haben, wie eine späte Schwangerschaft beendet wird. Während der Recherche hat es mich schockiert, dass so gut wie kein Arzt und keine Ärztin in Deutschland Frauen umfassend darüber informiert, welche Möglichkeiten es tatsächlich zur Beendigung einer späten Schwangerschaft gibt – hier spielt auch viel persönliche Meinung statt Evidenz eine Rolle.“
Das sagt die Jury
„Was für eine Frau. Und was für ein Text über diese Frau: schlicht, präzise. Und so überfällig. Er klärt auf, ohne zu werten.“
Annabelle Seubert, Redakteurin bei ZEIT ONLINE
Das sagt die Jury
„Eine Schwangerschaft abzubrechen war, ist und bleibt ein zutiefst moralisches Dilemma, das letztlich nur von der betroffenen Frau (im Idealfall gemeinsam mit dem Kindsvater) entschieden werden kann. Dafür brauchen sie einen Arzt / eine Ärztin, die ihnen unvoreingenommen hilft. Vivian Pasquet hat einen hoch informativen und gleichzeitig sehr nahegehenden Bericht über späte und somit mit noch mehr Hürden verbundene Schwangerschaftsabbrüche geschrieben. Die Entscheidung kann der Einzelnen nicht abgenommen werden, eine Reportage wie die von Vivian Paquet trägt jedoch zum Verstehen und zur offeneren Diskussion bei.“
Prof. Dr. Dr. Konrad Obermann, Arzt, Ökonom und Forschungsleiter der Stiftung Gesundheit