Im Interview
Hanna Kaade: „Humanitäre Arbeit ist ein zentraler Bestandteil meines beruflichen Selbstverständnisses.“
Hanna Kaade ist Facharzt für Allgemeinchirurgie. Bereits seit seiner Jugend engagiert er sich humanitär und unterstützt heute internationale Einsätze, WHO Emergency Medical Teams und den Aufbau medizinischer Programme in ressourcenarmen Regionen. Für diesen Einsatz wird er mit dem Dr.-Pro-Bono-Siegel der Stiftung Gesundheit ausgezeichnet.
Warum und seit wann setzen Sie sich für das Gemeinwohl ein?
Mein Engagement für das Gemeinwohl begann bereits früh in meinem Leben. Mit 16 Jahren habe ich beim Syrischen Roten Halbmond angefangen, mich ehrenamtlich in der Ersten Hilfe sowie bei sozialen Aktivitäten zu engagieren.
Während meines Medizinstudiums wurde dieses Engagement zunehmend intensiver – insbesondere mit Beginn des Krieges in Syrien im Jahr 2011. In dieser Zeit übernahm ich deutlich mehr Verantwortung und war unter anderem für Kliniken und den Rettungsdienst mitverantwortlich sowie an deren Leitung und Koordination beteiligt.
Zusätzlich gründete und leitete ich 2013 das WHO-Büro in Aleppo, das ich über drei Jahre hinweg betreute. Parallel dazu begann ich auch meine chirurgische Weiterbildung in Syrien. Diese Jahre haben mich sowohl beruflich als auch menschlich stark geprägt und meinen weiteren Weg entscheidend beeinflusst.
Für mich ist humanitäre Arbeit nicht nur eine Ergänzung meiner ärztlichen Tätigkeit, sondern ein zentraler Bestandteil meines beruflichen Selbstverständnisses. Es geht nicht nur darum, kurzfristig Hilfe zu leisten, sondern langfristig Perspektiven zu schaffen und lokale Strukturen nachhaltig zu stärken.
Erzählen Sie mehr zu Ihrem Projekt und zu der Organisation – wie sieht ihr Engagement konkret aus?
Meine ehrenamtliche Tätigkeit umfasst mehrere Bereiche. Ich arbeite in internationalen Einsätzen mit Organisationen wie dem Roten Kreuz und Roten Halbmond zusammen und unterstütze dort die medizinische Versorgung in Krisensituationen.
Darüber hinaus bin ich im Bereich der WHO Emergency Medical Teams (EMT) tätig und begleite nationale Teams in verschiedenen Ländern bei ihrer Entwicklung und Klassifizierung nach WHO-Standards. Dabei geht es vor allem um Qualitätssicherung, Strukturaufbau und nachhaltige Einsatzfähigkeit.
Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit ist die Unterstützung beim Aufbau medizinischer Programme in ressourcenarmen Regionen, beispielsweise im Bereich der Mutter-Kind-Gesundheit oder der Epidemievorbereitung. Ergänzend engagiere ich mich in der Ausbildung und Schulung lokaler Fachkräfte sowie in der internationalen Advocacy-Arbeit zum Schutz von Gesundheitseinrichtungen und medizinischem Personal in Konfliktgebieten.
Haben Sie dabei mit Hürden zu kämpfen?
Die Herausforderungen sind vielfältig. Dazu gehören begrenzte Ressourcen vor Ort, komplexe logistische Bedingungen, Sicherheitsrisiken sowie teilweise auch administrative Hürden. Gleichzeitig ist es oft schwierig, ein intensives ehrenamtliches Engagement mit einer anspruchsvollen klinischen Tätigkeit in Deutschland zu vereinbaren.
Was würde Ihnen die ehrenamtliche Arbeit erleichtern?
Erleichternd wären aus meiner Sicht insbesondere langfristigere strukturelle Förderungen, vereinfachte administrative Prozesse sowie eine stärkere institutionelle Anerkennung und Integration humanitärer Arbeit in reguläre berufliche Strukturen.
Planen Sie in Zukunft noch andere ehrenamtliche Projekte?
Ja, auf jeden Fall. Ich versuche weiterhin, neben meiner beruflichen Tätigkeit in Deutschland humanitäre Projekte zu unterstützen und aktiv zu begleiten.
Aktuell bin ich Mentor von zwei WHO Emergency Medical Teams in Libyen und Oman. Darüber hinaus werde ich nächsten Monat gemeinsam mit dem Roten Kreuz in den Sudan reisen, wo aktuell ein großer Bedarf besteht. Dort werden wir einen Kurs zur Epidemievorbereitung für Volunteers des Sudanesischen Roten Halbmonds durchführen.
Wo besteht aus Ihrer Sicht noch Bedarf an ehrenamtlicher, ärztlicher Arbeit?
Der Bedarf ist weiterhin enorm hoch – insbesondere in fragilen und konfliktbetroffenen Regionen. Gerade in der aktuellen Zeit, in der viele große Geldgeber ihre Unterstützung reduzieren oder Einsparungen vornehmen, geraten zahlreiche humanitäre Programme zunehmend unter Druck.
Neben der akuten Notfallversorgung besteht weiterhin ein großer Mangel an kontinuierlicher Basisversorgung, chirurgischer Expertise sowie Angeboten im Bereich der psychischen Gesundheit und Palliativversorgung. Darüber hinaus sehe ich einen wachsenden Bedarf an strukturellem Engagement – also nicht nur im direkten Patientenkontakt, sondern auch im Aufbau resilienter Gesundheitssysteme, in Ausbildung, Prävention und Gesundheitsaufklärung.


