„Wenn die Seele brennt“: Dr. Christian Lüdke über die Bewältigung von Krisen

Christian Lüdke

Trauma-Experte und Psychotherapeut: Christian Lüdke hat unter anderem mit den Opfern der Anschläge von Paris gearbeitet. © Christian Lüdke

 

Entwicklungskrisen, Identitätskrisen, Autoritätskrisen, Sexualitätskrisen, Beziehungskrisen, Ehekrisen, Glaubenskrisen oder Sinn- und Lebenskrisen: Das Leben ist voller großer und kleiner seelischer Umwürfe oder Traumata, mit denen Menschen ganz unterschiedlich umgehen. Der Psychotherapeut und Trauma-Experte Dr. Christian Lüdke möchte mit dem im medhochzwei Verlag erschienenen Ratgeber „Wenn die Seele brennt – mit eigener Kraft aus der Krise“ Menschen helfen, besser mit traumatischen Erlebnissen oder Sinnkrisen umzugehen. Dass er seinem Anspruch gerecht geworden ist, zeigt die Zertifizierung durch die Stiftung Gesundheit. Im Gespräch verrät Lüdke, wie es zum Buch kam – und warum jede Krise auch etwas Gutes bewirken kann.

 

Was antwortet ein Psychotherapeut eigentlich darauf, wenn man ihn fragt, was die Seele ist?

Die Seele ist zweierlei: Zum einen Träger der bewussten Erinnerungen, das heißt, alles, woran wir uns in unserem Leben erinnern können, ist Teil unserer Seele. Und zum anderen ist die Seele auch der Abdruck, den die Welt in einem Menschen hinterlässt. In unserem westlichen Verständnis gilt vor allem das Gesicht als Spiegel der Seele. Das sind zwei Aspekte der Seele aus therapeutischer Sicht.

Was war Ihre Motivation, das Buch zu schreiben?

Die Motivation dazu war persönlicher und beruflicher Natur. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Opfern unterschiedlichster Traumata. Ich habe viele Jahre lang die psychologische Ausbildung von Spezialeinheiten der Polizei in NRW geleitet und habe in diesem Rahmen viele Erfahrungen mit schwerster Gewaltkriminalität gewonnen. Von meiner beruflichen Ausbildung bin ich klinischer Hypnosetherapeut – und diese Kombination aus der Polizei- und Hypnosearbeit hat dazu geführt, dass ich mich auf die Behandlung von Kriminalitäts- und Trauma-Opfern spezialisiert habe. Letztendlich führte das zur Gründung meines Unternehmens: Ich bin bundesweit und international für die Berufsgenossenschaften oder andere Auftraggeber vor Ort, um traumatisierte Menschen zu betreuen: New York, Bali, Djerba – oder jetzt Paris.

Zwei Medien, ein Buch: Auch das Audiobook haben die Gutachter der Stiftung geprüft - mit ebenfalls positivem Ergebnis.

Zwei Medien, ein Buch: Auch das Audiobook haben die Gutachter der Stiftung geprüft – mit ebenfalls positivem Ergebnis. © medhochzwei

Kein leichter Job.

Meine Erlebnisse mit den betroffenen Menschen sind oft aber sehr beeindruckend. Sie lassen mich ja immer sehr nah an ihr Leben und ihre Lebensgeschichte heran, und das hat mich immer wieder beeindruckt. Es stimmt mich zudem hoch zufrieden, wenn ich sehe, dass ich Menschen helfen kann. Das sind so viele wertvolle Erfahrungen – da habe ich mir gedacht, dass ich die anderen Menschen gerne zugänglich machen würde. Das war die Grundidee, dieses Buch zu schreiben. Was sich dahinter verbirgt, ist ja letztlich die Erkenntnis, dass jedes auch noch so schwere Lebensereignis aus eigener Kraft verarbeitet werden kann. Das ist jetzt nicht meine persönliche Ansicht, sondern Lehrmeinung der Psychotherapie-Forschung. Die hat untersucht, was einem Menschen in einer schwierigen Lebensphase hilft, egal ob Trennung, Kündigung oder Gewalttat. Das Erstaunliche ist, dass es nicht die Experten sind, nicht die Therapeuten und Psychologen – sondern die unmittelbare Anwesenheit einer stabilen Person. Salopp gesagt also ein Mensch, der nicht weinend vom Stuhl fällt, wenn ich ihm etwas Schlimmes erzähle. Ein bester Freund, bester Kollege, wer auch immer. Manche Menschen haben aber nicht das Glück, auch nur einen einzigen Vertrauten zu besitzen. Dafür gibt es meine Berufsgruppe: die Therapeuten. Man bezeichnet uns ja auch als bezahlte Freunde. Ich helfe dem Patienten, seine eigenen Selbstheilungskräfte in Gang zu setzen, um das Erlebte aus eigener Kraft verarbeiten zu können.

Von der eigenen Kraft schreiben Sie auch oft in Ihrem Buch. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Jeder Mensch hat Selbstheilungskräfte: Letztendlich sind es genetische Informationen, die helfen, mit emotionalem Stress zurechtzukommen. Die genetische Information lautet: Fliehe, kämpfe oder erstarre. Das war schon in der Steinzeit so: Der erste Impuls beim Treffen eines Säbelzahntigers war die Flucht. Und wenn wir nicht flüchten können, kämpfen wir. Wenn beides nicht funktioniert, tritt die dritte Stufe ein: der Totstell-Reflex. Säbelzahntiger gibt es heute nicht mehr, die haben andere Gesichter bekommen: Das kann der Ehepartner sein, der Chef oder der Gewalttäter. In Krisen helfen kann uns die Gesamtheit der Erfahrungen, die wir im Leben sammeln. Es gibt im Leben immer wieder Krisen, die erstmal völlig normal sind: Kindheit, Schule, Erwachsenwerden – das sind Phasen, die nicht immer lustig sind. Gleichzeitig machen wir aber Erfahrungen, die uns innere Kraft schenken. Wissenschaftlich gesagt verleihen uns schwierige Erlebnisse Widerstandskräfte für kommende Herausforderungen. Unser seelisches Immunsystem wird gestärkt. Ich erinnere die Menschen im Grunde nur daran, welche Kräfte sie haben, weil sie andere Hürden bereits erfolgreich genommen haben.

Es gibt viele unterschiedliche Formen von Krisen. Können Sie abseits von traumatischen Erfahrungen welche nennen, die Menschen immer wieder betreffen?

Ja, wir unterscheiden zehn Lebenskrisen – wobei der Begriff „Krise“ umgangssprachlich leider immer negativ belegt ist. Therapeutisch und psychologisch ist er das überhaupt nicht. Als Krise bezeichnen wir immer eine Phase der Entwicklung, Wandlung und Veränderung. Und das ist ja nicht per se schlecht. Wir durchlaufen viele hundert Identitäts-, Autoritäts- oder Sexualitätskrisen, aber es gibt zehn Lebensstufen, die bei uns allen gleich sind. Die erste ist die Geburtskrise: Plötzlich ist es hell, kalt, trocken und laut. Dann kommt die Abstillkrise: Sie bedeutet, dass wir auf uns und unsere Bedürfnisse aufmerksam machen müssen. Es geht weiter mit der „Hänschen-klein-Krise“, das ist die Ich-Entwicklung um das vierte Lebensjahr herum. In der Pubertät entwickelt sich dann die Geschlechtsidentität: Was bin ich, Mann, Frau? Oder entwickle ich eine andere Spielform der Natur? Dazwischen reihen sich verschiedene Sozialisationskrisen; immer dann, wenn wir in eine neue Gruppe kommen: Kindergarten, Ausbildung, Studium und so weiter.

Dann kommt die sogenannte Paarkrise, wenn die Kinder das Elternhaus verlassen. Das ist eine starke Probe für beide Partner: Die Kinder müssen ihr Leben von nun an selbst gestalten und die Eltern müssen ihre Partnerschaft neu definieren. Dann geht es weiter mit der sogenannten Midlife-Krise, wissenschaftlich spricht man von der Plateau-Krise, weil wir in unserem Leben ein- oder mehrfach von einem metaphorischen Plateau aus unser Leben betrachten und uns fragen: Bin ich eigentlich glücklich? Ist meine Partnerschaft so, wie ich sie mir wünsche? Ist mein Beruf das, was ich möchte? Wenn man bei dieser Rückschau unglücklich ist, kann einen die als limitiert wahrgenommene Restlebenszeit auch in eine tiefe Krise stürzen.

Hinzu kommen Leiblichkeits-Krisen, also alle Veränderungen unseres Körpers, wenn wir älter und kränker werden. Dann folgt der Renten-Schock. Das ist übrigens nicht der Schock, den wir kriegen, wenn wir unseren ersten Rentenbescheid sehen (lacht).

Naja, der Schock könnte aber auch in einer Krise enden…

Wenn wir in Rente gehen, stellt sich die Frage, wie wir unsere Freizeit, Familie und Partnerschaft leben. Das ist nicht leicht: Es gibt mehrere Studien, die zeigen, dass 20 Prozent der Frauen und Männer ein halbes Jahr nach ihrer Pensionierung versterben – ohne, dass es vorher gesundheitliche Risikofaktoren gegeben hätte. Die letzte Krise, die wir bewusst durchlaufen, ist dann das Sterben – da schließt sich der Kreis.

Um es noch mal zu sagen: All diese Krisen sind ja nicht lustig. Sie sind teils mit viel Freude, aber auch mit viel Leid verbunden: Abschied nehmen, loslassen, Veränderungen – darin machen wir aber wichtige Erfahrungen, die uns stärken. Viele Menschen werden sich dieser Kräfte aber erst in Schicksalssituationen bewusst: Das ist wie ein Weckruf. Sie wachen auf und fangen an, Dinge in ihrem Leben zu ändern. Als Therapeut erinnere ich die Leute an ihre eigene Kraft, wenn sie es nicht selbst können.

Krisen können Menschen also stärker machen. Wie genau geht die Veränderung vonstatten?

Wir nennen das persönliche Reifung. Als Hypnotherapeut frage ich immer nach dem Guten im Schlechten. Ein Beispiel: Ich habe nach den Terroranschlägen vom 11. September in New York gearbeitet. Viele Banker haben mir damals gesagt: „Ich habe in zehn Minuten Todesangst mehr über mich erfahren als in den zurückliegenden 40 Jahren.“ Sie sind sich in dieser Krise unter anderem darüber bewusst geworden, dass Arbeit nicht alles ist.

Besonders in Erinnerung ist mir noch ein Vorfall in einem Geldinstitut in Berlin geblieben. Bankräuber hatten mehrere Geiseln über viele Stunden in ihrer Gewalt: Die waren extrem brutal und haben beispielsweise Schein-Hinrichtungen durchgeführt. Die Hauptkassiererin damals zeigte in der anschließenden Therapie gar keine typischen Symptome eines Traumas. Sie hat mir dann erklärt, dass sie natürlich Todesangst hatte. Aber auch, dass ihr in den 14 Stunden Geiselnahme bewusst geworden ist, dass diese Geiselnahme nichts anderes ist als ihre seit 20 Jahren dauernde Ehe mit einem völlig dominanten Ehemann. Sie hat sich in dieser Extremsituation geschworen: „Wenn ich hier lebend rauskomme, verändere ich mein Leben.“ Und das hat sie auch gemacht. Das war wirklich faszinierend! Sie hat mir sogar einmal gesagt: „Diese Geiselnahme ist das Beste, was mir in meinem Leben passieren konnte, denn sonst wäre ich nie von meinem Mann weggekommen.“

Selbst extreme Krisen können für Menschen also eine Bereicherung sein, weil sie danach viel bewusster leben – das ist eben die andere Seite von Schicksalsschlägen.

von Jonas Rohde 3. Juni 2016