„Smombies“ on Tour: Wege aus dem digitalen Hamsterrad

Buchcover des Buchs "Im digitalen Hamsterrad - ein Plädoyer an den gesunden Umgang mit Smartphone & Co."

© medhochzwei Verlag

Haben Sie sich auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn schon mal genauer umgeschaut? Eins fällt bei den Mitreisenden auf – egal ob sitzend, stehend oder gehend: Sie haben das Smartphone in der Hand und die Stöpsel im Ohr. Vielleicht gehören Sie ja selbst zu dieser neumodischen Spezies – den Smombies (Kreuzung aus Smartphone und Zombies). „Das Digitale darf das Soziale nicht verdrängen“, sagt Prof. Dr. Gerald Lembke. Er beschäftigt sich mit der Mediennutzung in unserer Gesellschaft und setzt sich mit den Smombies auseinander. In seinem Buch „Im digitalen Hamsterrad – Ein Plädoyer für den gesunden Umgang mit Smartphone & Co.“ hält er uns mit einem Augenzwinkern den Spiegel vor. Er regt dazu an, den eigenen Konsum der digitalen Medien genauer zu betrachten und zu reflektieren: Muss das Smartphone wirklich jeden Morgen mit auf die Toilette? Muss ich wirklich immer erreichbar sein und auf jede Nachricht sofort antworten? Wäre ein Telefonat zur Terminabstimmung nicht zielführender, als eine WhatsApp-Gruppe? Wie er selbst den Weg aus dem digitalen Hamsterrad gefunden hat erzählt er im Interview.

Herr Prof. Dr. Lembke, was war der Auslöser dafür, dass Sie sich mit Ihrem eigenen Mediennutzungsverhalten auseinandergesetzt haben?

Ich bin ja nun schon seit fast 25 Jahren in der digitalen Welt unterwegs und vor neun Jahren gab es ein göttliches Ereignis für mich: Das erste iPhone kam auf den Markt. Damit konnte man plötzlich alles mobil erledigen. Das hat mich dann so fasziniert, dass ich von dem Gerät nicht mehr weg kam. Fünf Jahre später merkte ich dann, dass ich mich inzwischen mehr mit digitalen als mit realen Themen beschäftigte. An diesem Punkt begann ich zu reflektieren und realisierte, dass ich immer weniger physische Kontakte hatte und immer mehr in diese digitale Virtualität abdriftete. Damit ging es mir nicht gut – auch körperlich nicht. Das war der ausschlaggebende Punkt für mich, mein Mediennutzungsverhalten bewusster zu gestalten.

Sie selbst haben auch an einem „Digital Detox“-Seminar teilgenommen. Wie genau lief das ab?

Das spannende an diesem dreieinhalbtägigen Seminar war, dass wir unsere Smartphones und Computer zu Beginn abgeben mussten. Es war also ein Wochenende komplett ohne digitale Geräte – was ich bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht mehr kannte. Zudem war ich auch noch mit fremden Menschen zusammen, die ich jahrelang erfolgreich gemieden habe. Im Zug saß ich lieber alleine und nun war ich mit Menschen zusammen, die ich mir nicht aussuchen konnte und mit denen ich zusammen verschiedene Übungen, Küchenarbeit und Gartenarbeit machen musste. Das war für mich eine besondere Herausforderung. So habe ich überhaupt wieder gelernt real zu kommunizieren und auf andere zuzugehen – alles was in der Virtualität eben nicht notwendig ist.

Sie sprechen im Buch auch von dem Phänomen „FOMO“ (Fear of Missing Out). Wie schafft man es sich von dieser Angst etwas zu verpassen zu lösen, wenn man nicht auf WhatsApp unterwegs ist?

Porträtfoto von Professor Dr. Gerald Lembke

Professor Dr. Gerald Lembke


Es beginnt erstmal damit überhaupt darüber nachzudenken, was die Werte im Alltag sind. Was ist wertvoll für ein gesundes und erfülltes Leben? Es geht vor allem darum wieder reale und analoge Alternativen aufzuzeigen, gerade denen, die mit dem Smartphone in der Krippe groß geworden sind. Sie müssen lernen, dass es neben der Virtualität auch noch die Realität gibt und die kann viel spannender sein. Mir haben Jugendliche berichtet, deren Handy über einen längeren Zeitraum kaputt war, dass sie erstmals eine richtig glückliche Zeit hatten. Denn sie haben die Zeit dann für ganz andere Sachen genutzt, die ihnen viel mehr Freude gebracht haben, als täglich sieben Stunden WhatsApp-Nachrichten zu lesen und schreiben.

Viele Jugendliche verstehen WhatsApp aber eher als Medium, um soziale Kontakte zu pflegen. Sehen Sie das kritisch?

Grundsätzlich bin ich natürlich dafür ergänzend virtuell zu kommunizieren. Wir tun das mit E-Mails ja bereits seit 20 Jahren. Aber ich sehe es dennoch auch als sehr problematisch an, weil Kinder in der aktuellen Sinus-Studie sagen, dass sie gerade aufgrund des ausufernden Kommunikationsverhaltens bei WhatsApp schon völlig „digital gesättigt“ sind. Das bedeutet, dass sie selbst von dieser Kommunikationsart genug haben. Und ich treffe immer mehr und mehr Jugendliche, die da nicht mehr mitmachen wollen und selbst aktiv aus der Virtualität herausgehen. Aber es genügt eben nicht von durchschnittlich sieben Stunden am Tag auf sechs Stunden zu gehen.

Erzählen Sie uns abschließend noch, was Ihre Wege aus dem „digitalen Hamsterrad“ sind?

Das erste und aller wichtigste ist: Wieder lernen abzuschalten. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich das elektronische Gerät abschalten. Darauf zu achten, dass man das Smartphone nicht mehr regelmäßig in der Hand hält oder am Körper trägt. Auf dem Esstisch hat es auch nichts zu suchen. Mit meiner Tochter habe ich da etwas sehr reales gemacht, nämlich ein Bettchen für das Smartphone gebaut. Da kommt es dann ab 20 Uhr rein und wird auch erst am nächsten Tag wieder rausgeholt.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die absolute Enthaltsamkeit auch am Wochenende: Das heißt für mich Freitag nach der Arbeit fliegt das Smartphone in die Schublade und wird am Wochenende nicht mehr angefasst. Wer das schafft, der ist einen riesigen Schritt weitergekommen.
Und wieder Telefonieren lernen – klingt ganz banal. Aber auch das war mir viele Jahre lang überhaupt nicht mehr so präsent. Man wird feststellen, dass kleine Problemchen oder auch größere Probleme am Telefon sehr viel schneller und viel einfacher zu beseitigen sind.
Ja und so habe ich mir wieder ein Stück Realität ins Leben geholt und bin heute deutlich glücklicher, als noch vor ein paar Jahren.

Von Kerstin Wittemeier 18. November 2016

Veröffentlicht in Aktuelles
Letzte Aktualisierung am 24.02.2018