Ratgeber für Patienten: Das Schmerz-Buch

Bildquelle: Schlütersche

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Prof. Dr. med Matthias Karst ist Autor des Ratgebers „Das Schmerz-Buch“. Darin zeigt er, dass sich Schmerzen mit geeigneten Therapien gut behandeln lassen. Betroffene lernen mit diesem Buch, den Schmerz zu verstehen, und sind anschließend fähig, aktiv gegen ihre Probleme anzugehen.

Bohrend, stechend, hämmernd, drückend und fast immer unerträglich. Für Millionen Menschen sind Schmerzen ständig präsent. Egal, ob im Kopf, im Rücken, in den Gelenken oder Nerven – sie treiben die Betroffenen in die Verzweiflung und schränken ihr Leben ein. Doch Hilfe ist möglich! Mit geeigneten Therapien lassen sich Schmerzen gut behandeln kann. Die Betroffenen müssen lernen, den Schmerz zu verstehen. Dann sind sie fähig, aktiv gegen ihre Probleme anzugehen. Die Multimodale Schmerztherapie gilt hierbei als die effektivste Behandlungsform chronischer Schmerzen. Sowohl körperliche Ursachen wie Verletzungen, altersbedingter Verschleiß oder Fehlbelastungen am Arbeitsplatz als auch psychische Faktoren wie Konflikte in der Familie oder im Beruf werden gleichermaßen berücksichtigt. Diese fachübergreifende Behandlung durch spezialisierte Ärzte und Therapeuten hilft Patienten mit chronischen Schmerzen, ihr Leiden zu lindern und ihre Lebensqualität zu steigern.

Von akut zu chronisch

Während der akute Schmerz abklingt, wenn die Erkrankung oder Verletzung abgeheilt ist, hält der chronische Schmerz auch danach noch weiter an. Es gibt eine Vielzahl von Erkrankungen, die nicht ursächlich behandelt, gleichwohl aber mit Schmerzen einhergehen können. Liegt keine Erkrankung mehr vor, die die Beschwerden erklären kann, dann kann eine chronische Schmerzerkrankung angenommen werden, bei der das Nervensystem so empfindlich geworden ist, dass schon leichte Reize den Eindruck „Schmerz“ erzeugen. Ab einer Schmerzdauer von drei Monaten anhaltender oder wiederholt auftretender Schmerzzustände liegt chronischer Schmerz vor.

Jeder empfindet Schmerzen unterschiedlich

Schmerzen werden dann empfunden, wenn das auf Schmerzreize spezialisierte Nervensystem aktiv wird. Dabei werden Signale aus dem Gewebe an das Rückenmark gesendet und dort nach Umschaltung auf eine zweite Nervenzelle an das Gehirn weitergeleitet. Erst die gleichzeitige Aktivität verschiedener Areale im Gehirn zusammen erzeugt dann den Schmerzeindruck. Wie und wie stark der Schmerz empfunden wird, hängt sowohl von der Art der Schädigung als auch von den betroffenen Personen ab. Schädigungen des Nervensystems selbst werden meist intensiver und unangenehmer erlebt als Schädigungen an anderen Gewebetypen. Genetische und lebensgeschichtliche Faktoren entscheiden darüber, wie Betroffene die eintreffenden Schmerzsignale empfinden und weiter verarbeiten.

Gene, Erfahrungen und soziales Umfeld spielen eine Rolle

Zu den Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass aus einem akuten Schmerz ein chronischer wird, gehören schmerzhafte Lebensereignisse in der Vergangenheit, psychische Belastungen, ein schlechtes soziales Netzwerk. Aber auch unsere Gene entscheiden über die Empfindlichkeit gegenüber Schmerzreizen. Zudem erhöht ein nicht oder nur unzureichend behandelter akuter Schmerz die Wahrscheinlichkeit, dass dieser chronisch wird. Tatsächlich ist sowohl das Erkennen von akutem Schmerz für das Überleben enorm wichtig, weil wir dadurch auf potentielle Gefahren hingewiesen werden, als auch die Fähigkeit neue Erfahrungen in unserem Gedächtnis abzuspeichern, um für die Zukunft besser gerüstet zu sein.

Diese beiden enorm wichtigen Grundfähigkeiten können dazu führen, dass die Schmerzsignale lange im Nervensystem zirkulieren und sich das Schmerzgedächtnis ausbildet. Daran beteiligt sind die Schmerzrezeptoren im Gewebe, die Umschaltstationen im Rückenmark und die Gehirnareale, die Schmerzsignale verarbeiten. Das ganze System wird empfindlicher, sodass bereits Signale mit geringer Intensität sich unangenehm und schmerzhaft anfühlen.

Neue Wege der Schmerztherapie

Natürlich kann man Schmerzen mit Medikamenten, Injektionen, Stimulationstherapien (z.B. Strom, Akupunktur) etc. lindern. Dabei sind diese Verfahren in den letzten Jahren differenzierter und wirksamer geworden. Da aber die ganze Person mit ihren unterschiedlichen Facetten am Schmerzempfinden beteiligt ist, ist es wichtig den ganzen Menschen zu betrachten und „anzusprechen“. Das schließt auch die Interpretation der Schmerzen, den Umgang mit ihnen und die Gefühle in Bezug auf die Schmerzsituation mit ein. Es ist also äußerst wichtig, den Kontext, in dem die Schmerzen auftreten und fortbestehen, herauszuarbeiten. Der neue Weg besteht darin, weg vom Schmerz und auf den betroffenen Menschen hin zu fokussieren und einen individuell passenden Ansatz zu finden.

Multimodale Schmerztherapie: Körper und Geist

Die multimodale Therapie kombiniert physikalische Therapieverfahren – meist eine Kombination aus Ausdauer- und Krafttraining – mit psychologischen Verfahren. Bei den psychologischen Verfahren sind insbesondere Psychotherapieverfahren, Entspannungstechniken und Achtsamkeitstraining zu nennen. Die multimodale Therapie ist dazu geeignet, den Patienten dazu zu befähigen einen aktiven und konstruktiven Umgang mit seiner Schmerzsituation zu finden. Durch neue positive Erfahrungen kann die alte Schmerzerfahrung allmählich in den Hintergrund rücken. Sehr wichtig ist es dabei, die Schmerzen zunächst als gegeben zu akzeptieren. Dadurch setzen die Betroffenen Kräfte frei, mit denen sie die notwendige Aktivität entfaltet können, um die Schmerzen zu überwinden. Ein gutes Körpergefühl zu entwickeln, um Überlastungen und Unterforderungen zu vermeiden, ist ebenfalls von großer Bedeutung.

von Prof. Dr. med Matthias Karst 27. November 2014