Heuschnupfen: Fehlalarm des Immunsystems

„Andere Wirkung“ – das bedeutet das Wort „Allergie“ wortwörtlich aus dem Griechischen übersetzt. Und genau das trifft auch den Kern des Problems: Alltägliche Stoffe aus der Umwelt erzeugen bei Allergikern eine „andere Wirkung“. Ihr Immunsystem behandelt Hausstaub, Tierhaare oder Birkenpollen wie gefährliche Krankheitserreger. Beim Heu-schnupfen etwa reagieren Allergiker unnötigerweise auf eigentlich harmlose Blütenpollen. Schon 20 mikroskopisch kleine Pollen pro Kubikmeter Luft reichen aus, damit das Immunsystem den falschen Alarm auslöst: Die sogenannten Mastzellen, die zum Immunsystem gehören, geben dann in den Nasenschleimhäuten das Entzündungshormon Histamin ab. Als Folge davon schwillt die Nase an. Alles kribbelt und juckt. Mit heftigen Niesattacken und laufender Nase versucht der Körper, die Eindringlinge mit aller Kraft wieder hinaus¬zubefördern – obwohl diese gar nicht gefährlich sind.

Symptome lindern

Im Gespräch mit dem Allergologen
Prof. Dr. med. Dr. h. c. Torsten Zuberbier,
Stiftungsvorsitzender ECARF
(European Centre for Allergy Research Foundation)
und Sprecher des Allergie-Centrums-Charité

Bei akuten Allergie-Beschwerden suchen Betroffene vor allem Wege, um die lästigen Symptome rasch und wirksam zu lindern. „Am wichtigsten ist es zunächst, die Pollen-Allergene, auf die man reagiert, zu meiden“, erklärt der Allergologe Prof. Dr. Dr. Torsten Zuberbier, Stiftungsvorsitzender der European Centre for Allergy Research Foundation und Sprecher des Allergie-Centrum-Charité. Bei trockenem und windigem Wetter sollten Betroffene sich möglichst wenig draußen aufhalten, um den aufgewirbelten Pollen aus dem Weg zu gehen. Aktuelle Pollenflugvorhersagen erhalten Betroffene über die Stiftung Polleninformationsdienst. Für eine erholsame Nachtruhe empfiehlt es sich, das Schlafzimmer möglichst pollenarm zu halten. Dazu gehört vor allem das Lüften zur richtigen Zeit: Auf dem Land sind in der Regel zwischen 18 und 24 Uhr am wenigsten Pollen in der Luft, in der Stadt morgens zwischen 6 und 8 Uhr. Es gibt aber auch spezielle Pollenschutzgitter für die Fenster, die dafür sorgen, dass beim Lüften die Pollen draußen bleiben. Darüber hinaus ist es empfehlenswert, sich am Abend gründlich die Haare zu waschen, damit hängengebliebene Blütenpollen nicht auf dem Kopfkissen landen. Auch die Kleidung sollte idealerweise in einem anderen Raum gewechselt werden. Eine Nasenspülung vor dem Schlafengehen spült die Pollen von den Schleimhäuten und sorgt für eine ungestörte Nacht.

Um Heuschnupfen richtig behandeln zu können, ist es zuerst notwendig, den allergieauslösenden Stoff zu identifizieren. Wichtige Hinweise kann ein Heu¬schnupfen Tagebuch liefern:
– Datum und Uhrzeit
– Welche Beschwerden habe ich?
– Wie stark war die Reaktion?
– Wo habe ich mich aufgehalten?
– Welche Bäume und Gräser blühen gerade?
– Wie hoch ist momentan die Pollenbelastung?
Tipp: Es gibt zahlreiche Apps mit aktuellen Informationen zur regionalen Pollenbelastung und Tagebuchfunktion!

Unterstützung durch Medikamente

Zusätzlich dazu kann den Symptomen durch Medikamente Einhalt geboten werden. Wissenschaft und Industrie haben dazu sogenannte Antihistaminika entwickelt, sozusagen Gegenspieler zum Histamin. Diese unterdrücken die Wirkung des körpereigenen Entzündungshormons. „Modernere Präparate machen die Betroffenen auch nicht mehr so müde wie ältere Antihistaminika“, erläutert Prof. Zuberbier. Allerdings reagiere hier auch jeder Mensch unterschiedlich. „Bei geringen Symptomen sind antiallergische Augentropfen oder Nasensprays eine Möglichkeit. Bei etwas stärkerem und häufigerem Niesen, Augenjucken und Naselaufen sollten neuere Antihistaminika in Tablettenform eingenommen werden. Reichen diese nicht aus, empfehlen wir die zusätzliche Anwendung von Kortison-Nasensprays“, so der Allergologe.

Auf lange Sicht symptomfrei

Die spezifische Immuntherapie (SIT), auch Hyposensibilisierungstherapie genannt, verfolgt einen anderen Ansatz: Sie bekämpft nicht nur die Symptome, sondern die Ursache. Bei der SIT lernt das Immunsystem durch eine schrittweise Gewöhnung, weniger (hypo) empfindlich (sensibel) auf die Allergene zu reagieren. „Etabliert ist die SIT bei Allergien gegen Pollen, Hausstaubmilben, Bienen- und Wespengift“, berichtet Prof. Zuberbier. „Wir raten zu einer solchen Behandlung, wenn die Symptome ausgeprägt sind und bereits mehr als zwei Jahre bestehen.“ Generell rät der Allergologe dazu, so früh wie möglich mit der SIT zu beginnen: „Die besten Erfolgsaussichten bestehen nämlich bei jungen Patienten, die nicht auf zu viele verschiedene Allergene reagieren.“ Beginnen sollte die Behandlung nicht erst, wenn die Pollen fliegen, auf die man allergisch reagiert, sondern etwa vier Monate vorher: „Der Herbst ist eine gute Zeit dafür. Beispielsweise sollten Menschen, die auf Frühblüher wie Hasel oder Erle allergisch sind, bereits im September loslegen, da diese Pollen bereits ab Dezember oder Januar in der Luft sein können.“ Nach etwa dreijähriger Therapie treten bei vielen Patienten die lästigen Symptome nicht mehr auf oder werden zumindest deutlich gelindert. Wer sich für eine SIT-Behandlung interessiert, sollte sich an einen Spezialisten für Allergien wenden. Entsprechende Ärzte finden Sie beispielsweise unter: www.arzt-auskunft.de/allergien/

Allergien vorbeugen

Die meisten Allergien entstehen während der Kindheit. Etwa jedes dritte Kind entwickelt bis zur Pubertät eine Allergie. Oft findet die erste allergische Reaktion auf eine bestimmte Pollenart zwischen dem achten und dem 20. Lebensjahr statt. Eine große Rolle spielen dabei die Gene: „Eltern können zwar keine Allergie an ihr Kind vererben, wohl aber die Veranlagung, Allergien zu entwickeln“, erzählt Prof. Zuberbier. Leidet kein Elternteil an einer Allergie, liege die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind eine Allergie entwickelt, bei fünf bis 15 Prozent. Sind Vater und Mutter Allergiker, erhöhe sich das Risiko auf 50 Prozent. „Ob sich dann die Allergie aber tatsächlich ausbildet, hängt von zahlreichen Umweltfaktoren ab“, erklärt der Allergologe. „Positiv gesehen heißt das, dass die Eltern einiges tun können, um das Allergierisiko ihres Kindes zu senken. Beispielsweise sollten Säuglinge mindestens vier Monate voll gestillt werden, damit sie einen eigenen Allergie-Schutz aufbauen können.“ Früher habe man werdenden Müttern geraten, sich allergenarm zu ernähren, beispielsweise nur wenig Kuhmilch zu trinken oder nur wenige Nüsse zu essen, um das Allergierisiko des Kindes zu senken. „Davon ist man inzwischen abgekommen, denn man hat gesehen, dass eine solche Diät auch die Nährstoffversorgung der Mutter einschränkt. Mittlerweile rät man Schwangeren, sich ausgewogen und vielseitig zu ernähren“, so Zuberbier. In den ersten Lebensjahren sollten Kinder dann durchaus in Kontakt mit potenziellen Allergenen kommen dürfen: Studien zeigen, dass Kinder vom Land, die viel draußen spielen und oft Kontakt zu Tieren haben, seltener Allergien entwickeln als Stadtkinder. Möglicherweise sorgt nämlich eine zu keimarme Umgebung dafür, dass das Immunsystem nicht ausreichend gefordert wird und dann aus Langeweile anfängt, harmlose Stoffe zu bekämpfen.