Modellvorhaben für Hebammen, Logopäden, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten verlängert

Was Tätige in Gesundheitsberufen dürfen und was nicht, ist nicht nur eine fachliche Frage. Es werden auch bildungs- und gesellschaftspolitische sowie rechtliche und ökonomische Aspekte berührt. Seit 2009 gibt es deutschlandweit Modellvorhaben, die Hebammen, Logopäden, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten eine akademische Erstausbildung ermöglichen. Berufsverbände und Hochschulen, die auf die Überführung dieses Modellvorhabens in geregelte Strukturen gehofft hatten, wurden jüngst enttäuscht: Das Bundeskabinett hat dem im August von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe vorgelegten „Bericht über die Ergebnisse der Modellvorhaben zur Einführung einer Modellklausel in die Berufsgesetze der Hebammen, Logopäden, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten“ zugestimmt. Allerdings verbunden mit der Maßgabe, die Modellphase um weitere Jahre zu verlängern. Dr. Almut Satrapa-Schill kritisiert als Vorsitzende des Vereins zur Förderung eines Nationalen Gesundheitsberuferates in einer Pressemitteilung diese Entscheidung. Die Pflege- und Gesundheitsexpertin, die bei der Robert Bosch Stiftung lange Zeit für den Bereich „Gesundheit“ zuständig war, befürchtet durch diesen Aufschub erhebliche Nachteile für die gesamte Gesundheitsversorgung.

In der Pressemitteilung des Vereins zur Förderung eines Nationalen Gesundheitsberuferates von August 2016 ist von einem „unerträglichen Stillstand bei der Modernisierung der Gesundheitsberufe“ die Rede. Worauf basiert dieses Urteil?

Der Eindruck von „Stillstand“ hat sich schon während meiner langjährigen Tätigkeit als Bereichsleiterin „Gesundheit“ der Robert Bosch Stiftung und den damit verbundenen umfangreichen Förderungsaktivitäten verfestigt. Das Interesse an immer wieder neuen Modellen und Projekten nimmt ab, weil Entscheidungsträger aus Politik und Verwaltung mangelnde Entschlusskraft erkennen lassen, wenn es nach erfolgreicher Modellerprobung um die Schaffung der für die Umsetzung notwendigen Rahmenbedingungen und gesetzlichen Grundlagen sowie um Planungssicherheit geht.

Das gilt übrigens nicht nur für die jetzige Diskussion um die Verlängerung der Modellklausel zur akademischen Erstausbildung therapeutischer Berufe und Hebammen, sondern auch für weitere Vorhaben: Dazu zählen Weichenstellungen qualifikatorischer und rechtlicher Art, damit Interdisziplinarität und Kooperation der Gesundheitsberufe nicht nur Wunschvorstellungen bleiben, sondern zur beruflichen Realität werden können. Ebenso gehört die Entscheidung für eine seit Jahren diskutierte generalistische Ausbildung von Pflegekräften dazu.

Dr. Almut Satrapa-Schill

Dr. Almut Satrapa-Schill

Trotz des steigenden Handlungsdrucks, den epidemiologische und gesellschaftliche Veränderungen, die Globalisierung, der Fachkräftemangel oder demographische Entwicklungen mit sich bringen, lassen die in diesem Zusammenhang notwendigen Entscheidungen zur Modernisierung der Gesundheitsberufe inklusive einer Reform für ein Allgemeines Heilberufegesetz auf sich warten.

Am Beispiel der Modellklausel zur akademischen Erstausbildung von Hebammen, Logopäden, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten wird zugleich deutlich, dass bei der Einführung der Modellklausel kein umfassendes Gesamtkonzept für die Planung, Durchführung, Bewertung und Verstetigung zugrunde lag. Dieses Gesamtkonzept sollte u.a. folgende Fragen aufgreifen: Für welche Tätigkeiten werden welche Qualifikationsniveaus benötigt? Wer soll von wem, wo und wie qualifiziert werden?

Auch hätten von Anfang an die für die Umsetzung notwendigen Rahmenbedingungen für die Ausübung des Berufs in den Blick genommen werden müssen, ebenso klare und verbindliche Berufs- und Ausbildungsziele sowie die Integration der therapeutischen Berufe in das Gesamtsystem der Gesundheitsberufe und Gesundheitsversorgung. Schon jetzt stellen wir einen Wirrwarr von Gesundheitsberufen fest, der endlich aufgeräumt werden muss. Wir benötigen Rahmenbedingungen, die die rechtlichen Kompetenzen bei der Berufsausübung an das, was qualifizierte und hochschulgebildete, nicht-ärztliche Gesundheitsberufe leisten können anpassen. Ein Beispiel, an dem man sich orientieren könnte, ist das kanadische Berufsbild der Advanced Nurse Practitioner. Diese Berufsgruppe verfügt über erweiterte Befugnisse und Berechtigungen, um Aufgaben zu übernehmen, die bei uns noch vom Arzt erledigt werden.

Auf den Punkt gebracht: Um den genannten Herausforderungen erfolgreich begegnen zu können, muss das Recht der Heilberufe überarbeitet und in einem „Allgemeinen Heilberufegesetz – Gesetz über die Heilberufe“ neu gefasst werden.

Auch der Bericht über die Ergebnisse der Modellvorhaben zur Einführung einer Modellklausel in die Berufsgesetze der Hebammen, Logopäden, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten erkennt an, dass Möglichkeiten der besseren Qualifizierung sinnvoll sind. Wie erklären Sie sich, dass das Bundeskabinett dennoch eine Verlängerung des Modellvorhabens beschlossen hat?

Hier muss berücksichtigt werden, dass wir es mit einer komplizierten Gemengelage von Erkenntnissen, Fakten und Problemen zu tun haben. Dies abzuwägen und dann die richtigen Entscheidungen zu treffen, ist nicht einfach. Hinzu kommen die finanziellen Auswirkungen der Reform, u. a. auf das Tarifsystem. Auch wird in Interessen- und Machtbereiche anderer Berufe eingegriffen. Dennoch, trotz aller Schwierigkeiten und trotz Gegenwind, müssen die Reformvorschläge umgesetzt werden. Dies ist längst überfällig, weil nur so eine gute und bezahlbare Gesundheitsversorgung in der Zukunft gewährleistet werden kann. Immer deutlicher zeigt sich, dass die anderen als ärztlichen Gesundheitsberufe dabei eine wichtige Rolle spielen werden.

Sie haben schon Vorteile der Akademisierung der Gesundheitsberufe angesprochen. Sehen Sie auch Nachteile? Etwa, weil sich die Zugangsmöglichkeiten zu diesen Berufen verändern würde?

Nein, ich sehe diesbezüglich keine Nachteile, weil ich eben nicht von einer generellen „Akademisierung“ der Gesundheitsberufe ausgehe. Es wäre besser, von der Einführung akademischer Strukturen für die Gesundheitsfachberufe zu sprechen, die zum Ziel hat, leitendes, lehrendes und hochspezialisiertes Personal für die Patientenversorgung auf Hochschulniveau auszubilden. Meiner Ansicht nach kann es nicht um eine generelle „Durchakademisierung“ aller gehen. Es wird ebenso Personal auf darunter liegenden Niveaustufen mit Durchlässigkeit nach oben benötigt werden. Damit wird auch jenen Berufsanfängern eine Chance geboten, die nicht für eine hochschulische Ausbildung infrage kommen. Voll akademisierte Kräfte am Krankenbett sind nötig, aber nicht zu 100 %.

Ergänzend möchte ich noch hinzufügen, dass bei der Einführung akademischer Strukturen auch dauerhafte und finanziell abgesicherte Voraussetzungen für Forschung gewährleistet werden müssen.

Wie blicken Sie in die nahe Zukunft? Sehen Sie noch eine Chance, das Modellvorhaben doch noch schneller umzusetzen?

Wir haben uns im Verein zur Förderung eines Nationalen Gesundheitsberuferates für eine kritische Stellungnahme entschieden, weil der Anlass – die Verlängerung der Modellklausel – beispielhaft dafür ist, dass man bei den anderen als ärztlichen Gesundheitsberufen eher zögerlich mit Reformvorhaben und notwendigen Entscheidungen umgeht. Unser Verein versteht sich dabei nicht als Sprachrohr einzelner Berufe und deren Verbände. Wir sprechen für alle Gesundheitsberufe, weil wir sehen, welch wichtige Rolle sie für eine gute Gesundheitsversorgung der Bürger in unserem Land spielen.

Was die konkrete Frage nach der Verlängerung der Modellklausel angeht, so scheint Bewegung bei der zeitlichen Dimensionierung der Verlängerung zu kommen. Auch weil es unstrittig ist und internationale Erfahrungen zudem zeigen, dass hochschulische Qualifikationen in diesen Berufen notwendig sind. Sollte es dennoch zu einer Verlängerung der Modellklausel kommen, werden wir genau darauf achten, wie dies begründet wird: Warum ist jetzt noch nicht die Zeit für eine regelhafte Einführung gekommen? Worin ist der Zugewinn einer weiteren Verlängerung zu sehen? Auf welche Fragen gibt die bisherige Evaluierung nicht ausreichend Antworten?

Die Entscheidungsfindung ist wegen der Vielzahl an Akteuren mindestens genauso kompliziert wie das Thema selbst. Wie kann der Dialog zwischen Gesundheitsberufen und anderen Stakeholdern verbessert werden?

Um den Dialog zu verbessern bzw. ihn überhaupt zu ermöglichen, ist der Verein zur Förderung eines Nationalen Gesundheitsberuferates gegründet worden. Es gibt zurzeit keine neutrale Instanz, in der man die künftigen Rollen der Gesundheitsberufe, deren Neuzuschnitt, die Rahmenbedingungen für ihre Modernisierung im Zusammenhang mit der Berufsausübung und deren adäquate Ausbildung diskutieren kann. Aufgabe einer solchen Instanz wäre auch, im Dialog zwischen Gesundheitsberufen, hochschulischen und beruflichen Ausbildungsträgern sowie Vertretern der Gesundheitswirtschaft, Kosten- und Einrichtungsträgern gemeinsam Lösungen, Reformen und Strategien zu erarbeiten und zu vereinbaren. Wir meinen, dass es dafür einen Nationalen Gesundheitsberuferat braucht. Dieser soll mit hoher Verantwortung agieren und mit seiner Tätigkeit dazu beitragen, dass in Zukunft mit den „richtigen“ Gesundheitsberufen eine gute und bezahlbare Gesundheitsversorgung garantiert werden kann. Wir haben gewiss viele Gremien, aber keines, das diese wichtige Aufgabe in der geschilderten Weise voranbringt. Der Verein zur Förderung eines Nationalen Gesundheitsberuferates wirbt für diese Idee und für die Etablierung eines solchen Gremiums (Homepage: www.nationalergesundheitsberuferat.de).

Jonas Rohde führte das Interview im Oktober 2016.

Veröffentlicht in Aktuelles
Letzte Aktualisierung am 25.05.2018