Ich dachte, das sei klar… – Reflexionen zur Zertifizierung von Websites

Füller

Bildnachweis: Knipseline / pixelio.de

Neulich hat uns ein Blogger geschrieben – sehr ausführlich und detailliert. Der Autor hatte einige Anmerkungen zu einer von uns zertifizierten Website und hinterfragte die dort vorgestellten Therapien und Behandlungsmöglichkeiten.

Hier nun Auszüge aus der Anfrage:

Auf der Webseite werden zahlreiche Therapien vorgestellt und beworben, die keine wissenschaftliche Grundlage haben und möglicherweise sogar schädlich sein können.

 

 

Beispielsweise:

  • Organotherapie
  • Bachblüten
  • Homöopathie
  • „Erdstrahlen“
  • Familienaufstellung
  • Ausleitung / Entgiftung

Das ist keine vollständige Liste, es finden sich zahlreiche weitere Therapien dort aufgelistet und bei einem kurzem Blick darauf gehe ich davon aus, dass die meisten davon Pseudowissenschaftliche Therapien sind, ich habe es aber nicht im einzelnen überprüft

Teilweise wird auf Studien verwiesen, ohne zu erklären, wo diese Studien publiziert sind, was publizistisch für eine medizinische Informationsquelle wohl kaum akzeptabel ist.

Mich würde interessieren: Wie kam dieses Gütesiegel, das sie ja wohl schon mehrfach für dieses Webangebot vergeben haben, zustande? Ich bitte Sie, dieses Gütesiegel zu überprüfen und mir auch mitzuteilen, wie dies ausgeht.

 

Da der Blogger grundsätzliche Dinge angesprochen hat, antwortete unser Vorstandsvorsitzender Dr. Peter Müller gern persönlich – und ebenso detailliert. Gern übrigens, da wir in ausführlichen und begründeten Debatten oft auch neue Gedanken aufsaugen können, die unsere Ansichten zurechtrücken können.

Auch die Antwort von Dr. Peter Müller möchten wir Ihnen nicht vorenthalten:

Gestatten Sie mir vorab eine persönliche Anmerkung:

Ich persönlich bin der Evidenzbasierung verpflichtet. Und ich kann und will auch nur in diesem Kontext arbeiten. Damit bin ich zum Glück hier in der Stiftung gut aufgehoben.

Mehr noch: unser Claim „Wissen ist die beste Medizin“ mag ein Hinweis darauf sein, dass die Stiftung errichtet wurde gerade als Kontrapunkt zu Scharlatanerie, mittelalterliche Mythen und interessengeleiteter Des- oder Partikularinformation.

Zugleich bin ich ebenso tief dem Pluralismus-Gedanken verwurzelt, was ich erheblich auch meinem akademischen Lehrer, Prof. Steffanie, Hamburg, verdanke. Diesem Dualismus, Evidenzbasierung einerseits und der grundsätzliche Wert des Pluralismus andererseits führt dazu, dass man bisweilen schwer zu ertragende Dinge ertragen muss. Das bedeutet keinesfalls alles zu tolerieren. Der Respekt vor dem Nächsten ist der entscheidende Benchmark. Auch im Rahmen der Arzt-Auskunft hat dies in der Vergangenheit in unseren Gremien und in der Mitarbeiterschaft vielfach schon zu intensiv diskutierten Abgrenzungsfragen geführt. Und dabei sind wir immer noch wesentlich rigider als vieles, sehr vieles, was hierzulande so auch unter Approbierten tatsächlich praktiziert wird.

Nun aber zu dem Siegel und dem gutachterlichen Verfahren: Es ist ein publizistisches, kein medizinisches.

Das Gütesiegel erhalten Websites, die sich dem gutachterlichen Verfahren mit definiertem Prüfungskatalog unterziehen und dabei keine wesentlichen Mängel aufweisen. Dafür bewerten die Gutachter die Site anhand eines Sets von mehr als 100 Kriterien. Wesentliche Prüfkriterien sind dabei beispielsweise, ob die geltenden juristischen Anforderungen an eine Website erfüllt sind. Sie prüfen zudem auch die Userfreundlichkeit sowie die Barrierefreiheit einer Website. Die publizistische Güte bewertet u.a. die publizistische Sorgfaltspflicht sowie die Frage, ob Aufgabe, Zweck und Nutzen der Website für die jeweilige Zielgruppe klar erkennbar sind, die Autorenschaft bekannt gegeben wird.

Die Prüfung gilt nicht einer möglichen medizinischen Wirksamkeit der angebotenen Therapien zu beurteilen, wir sind weder das IQWiG noch der G-BA. Die Gutachter prüfen vielmehr, ob die Website anhand oben skizzierter Kriterien geeignet ist, die Besucher in qualifizierter Weise über gesundheitsrelevante Themen und Zusammenhänge zu informieren und mehr Transparenz für Patienten zu schaffen. So darf im Sinne der Maximen von Methodenvielfalt – Methodentransparenz – Methodenkritik nicht eine einzelne Therapieform unkritisch und nicht substantiiert hervorgehoben werden. Eine Anforderung übrigens, die im Laufe der vergangenen Jahre, auch bei der Prüfung von gesundheitsbezogenen Printprodukten zur Verweigerung des Siegels geführt hat.

Und da das Internet – im Gegensatz zu Printprodukten – volatile und variable Informationen und Darbietungen, wurde eine Verfallszeit der Zertifizierung vordefiniert – und dies mit einem Jahr mit einer überschaubaren Frist. Nach Ablauf dieser Frist muss neuerlich geprüft werden bzw. verfällt die Zertifizierung. Sollte also die Fortschreibung einer Website zu einer Entfernung vom geprüften Standard führen, wird die Re-Zertifizierung nicht erfolgreich sein.

von Cindy Forster 27. Februar 2013