Dankesrede der Publizistik-Preis-Gewinnerin Dr. Pia Heinemann

Prof. Dirk A. Loose und Dr. Pia Heinemann bei der Verleihung des Publizistik-Preises 2011

Bildnachweis: Stiftung Gesundheit

Auf dem Jahresempfang der Stiftung Gesundheit am 10. Mai 2011 wurde der Publizistik-Preis 2011 erstmals an zwei Preisträgerinnen vergeben. Neben Iris Gesang erhielt auch Dr. Pia Heinemann den Publizistik-Preis. Sie gewann die Auszeichnung für den Artikel „Aspirin – eine gegen alles?“ aus der Welt am Sonntag vom 12. Dezember 2010. Hier Ihre Dankesrede:

Ich möchte mich hiermit sehr herzlich dafür bedanken, dass Sie mir heute den Publizistik-Preis ihrer Stiftung verleihen. Er bedeutet mir als unabhängiger Preis wirklich sehr viel.

Ich möchte Ihnen ein wenig von der Entstehung dieses Textes erzählen – denn über ASS wissen Sie als Mediziner im Zweifel mehr als ich. Aber vielleicht interessiert Sie ja ein kleiner Einblick in die Arbeitsweise von Zeitungsredakteuren. Denn wie in Redaktionen Themen entstehen und unter welchen Bedingungen sie dann realisiert werden, ist auch für Insider immer wieder ein wenig „irre“.

An einem Montag im vergangenen Dezember wurde in der Zeitschrift „The Lancet“ eine Studie unter der These „Aspirin verlängert das Leben“ veröffentlicht. Das sind Studientitel, die für uns Journalisten sehr schnell zu Nachrichten werden: Ein Allerweltsmedikament, das so gut wieder jeder schon einmal geschluckt hat, sollte nun also nicht nur gegen Kopfschmerzen bzw. einen ordentlichen Kater helfen, sondern den Traum vieler Menschen möglich machen: ein langes, ein noch längeres Leben.

Da wir in der „Welt“ und der „Welt am Sonntag“ ein gemeinsames Wissenschafts-Ressort sind, haben wir uns zunächst dazu entschieden, eine Geschichte für den folgenden Tag in der Tageszeitung die Welt zu drucken. Es war ein seitenfüllender Text, er ordnete die Ergebnisse richtig und kritisch ein – und damit war eigentlich auch alles gut. In der Dienstagsausgabe der „Welt“ hatten wir die Studie als das dargestellt, was sie war: eine zur Wirkung von ASS bei Magen- und Darmkrebspatienten, die allerdings nicht das Ziel hatte, die Lebenserwartung gesunder Menschen in Zusammenhang mit der Einnahme von ASS zu untersuchen.

Wie gesagt, eigentlich war alles gut und gesagt.

Trotzdem war unsere Chefredaktion von der Idee, dass Aspirin vielleicht doch eine Wunderpille sein könnte, so elektrisiert, dass für die „Welt am Sonntag“ ein sogenanntes „Titelthema“, also eine fünf-Seiten-Strecke, geplant wurde.

Am Donnerstagmorgen stand also fest: Das Thema Aspirin musste konzipiert, recherchiert, gelayoutet und 1000 Zeilen Text geschrieben werden werden. Da ich als stellvertretende Ressortleiterin und Biologin in unserem Wissenschaftsressort auch die Medizinthemen bearbeite, fiel der Strauß also mir zu. Ein Konzept musste her, Kollegen haben mitgeholfen. Denen gilt an dieser Stelle auch ein großes Dankeschön: Wolfgang W. Merkel, Uli Kuhlke, Judith Luig und Jennifer Wilton haben mitrecherchiert, Layout und Infografik um Melanie Petersen und Karin Sturm haben den optischen Rahmen für die Geschichte gebaut. Wer nicht geschlafen hat, hatte immerhin knapp 60 Stunden Zeit für das Titelthema.

Genau solche Aufgaben sind die, die uns Journalisten zur Verzweiflung treiben – denn ehrlich gesagt: Wie soll man über Aspirin, den Wirkstoff zu dem es Dutzende Bücher gibt und der in Hunderten von Studien durchgemangelt wurde, noch irgendetwas neues, spannendes erzählen? Wie soll man seine Leser dazu bringen, sich fünf Zeitungsseiten zu dieser Allerweltspille durchzulesen? Und wie soll man die Geschichte zu einer Tablette optisch hübsch gestalten?

Ich habe dann zum Glück schnell erkannt, dass man anhand dieser Beispielstudie den Lesern einmal die Hintergründe für Sensationsnachrichten aus dem Medizinjournalismus erklären kann. Man kann ihnen etwas über die Entstehung von Wirkstoffstudien und ihr Design erklären, man kann ihnen erklären, warum andere Studien vielleicht genau das Gegenteil besagen – und sie so mitnehmen auf eine kleine Entdeckungsreise in die Welt der Arzneimittel.

Als die Seiten am Samstagnachmittag dann endlich im Druck waren, war bei allen Beteiligten die Erleichterung groß. Eine weitere Ausgabe war durch, am Kiosk und im Briefkasten konnten wir uns damit sehen lassen. Natürlich fallen einem hinterher immer 1000 Dinge ein, die man auch noch hätte aufschreiben, schöner oder eleganter formulieren können. Aber das ist das Leid von Zeitungsmachern – zu viel Zeit hat man nie. Und drei Tage für vier Zeitungsseiten sind eigentlich viel zu wenig Zeit.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle auch nocheinmal explizit darauf hinweisen, dass Journalisten nichts ohne ihre Quellen sind. Und wenn ich heute hier stehen und diesen Preis in Empfang nehmen kann, dann geht ein Dank auch explizit und stellvertretend an Sie als Experten: Ohne Ansprechpartner, die sich die Zeit nehmen, Journalisten die Sachlage aus ihrer Sicht genau und verständlich zu erklären, die kurzfristig zu einem Telefonat bereit sind, wäre dieser Aspirin-Text und viele andere Texte nicht so gut geworden, wie er es ist.

von Dr. Pia Heinemann 11. Mai 2011